Samstag, 25. Februar 2017

Verständigungsprobleme zwischen den Ständen/Kasten? oder: Wie man die Filterblase platzen läßt.

by Common Brain

Ende 2015, Anfang 2016, zu der Zeit der ersten "Lügenpresse"-Vorwürfe gegen die Medien kamen auch die ersten "Eliten"-Debatten auf. Grob gesagt: "Die da oben verstehen uns hier unten nicht mehr." Wobei "die da oben" und "die da unten" von Sprecher zu Sprecher varieren.

Ergo hier: Ein Vorstoß zur Überwindung dieser Verständigungsprobleme, und dazu: Am Anfang jeden Lernens steht die Erkenntis (oder so ähnlich).

Wir haben ein Ständesystem in Deutschland, auch wenn es nur unterbewußt existiert. Ob nun Politiker, Akademiker, oder Arbeiter und Angestellte, es gibt diese Stände, Kasten, oder wie auch immer man es bezeichnen möchte. Filterblase trifft es eigentlich auch ganz gut. Es wird gemeinhin als Schubladendenken abgelehnt, aber das Unterbewußtsein läßt sich zu nichts zwingen. Wenn man ehrlich zu sich selber ist, erkennt man, daß man selber die anderen dem "Schubladendenken" zuordnet, und damit selber Schubladendenken betreibt, und analog läuft auch "wir-andere".
Wenn man das akzeptiert, und sich gleichzeitig seine Ideale vor Augen hält, so kann man versuchen, diese Impulse zu zügeln, und seinen Idealen entsprechend zu handeln. Wenn man sich einredet, davon nicht betroffen zu sein, wird das Unterbewußtsein die Kontrolle haben, ob nun beim Handeln oder Sprechen.

Und damit wären wir beim nächsten Punkt: Jeder Stand hat eine eigene Sprache. Ob die "Stände" nun durch Beruf, Bildung, Reichtum, Geschlecht, Religion etc. entstehen, oder einfach nach dem Motto "Gleich und Gleich gesellt sich gern", sie haben im Laufe der Zeit eine jeweils eigene Sprache entwickelt, die von den anderen "Ständen" nur bedingt verstanden wird. Das ist OK, wenn man sich dessen bewußt ist, und bei ständeübergreifenden Situationen berücksichtigt.Wenn man das nicht tut, kann es passieren, daß in einer Diskussion die Gegenseite den Eindruck hat, daß man ihr nicht zuhört, und man daher in die "Elite"-Schublade gesteckt wird.

Und damit wären wir wieder am Anfang, als diese Verständigungsprobleme erstmals auftraten, was wiederum zu der Diskussion führte, welche deren Überwindung möglich machte, und zu dieser Erörterung führte.
Dazu eine kurze Geschichte:
Als ich Ende 2015 aus meinem seligen Konsumleben wachgerüttelt wurde, war ich auch der typische "da unten". Erst habe ich still für mich geschimpft, und ab und zu vorm Fernseher "ihr Säckel" gerufen, und schließlich im März 2016 im Prinzip den "Arschtritt" gewählt.
Kurz danach habe ich mir an den Kopf geschlagen, weil ich nicht schon vorher darauf gekommen war, meine Politiker online zu kontaktieren, habe verschiedenes geschrieben, und natürlich nie eine Antwort erhalten.
Dann entdeckte ich die Kommentarspalten der Nachrichtenportale und begann, dort meine Meinung zu schreiben. Hauptsächlich gegen die "Linkspropaganda" , die damals die Ursache für die "Lügenpresse"-Vorwürfe war. Ich regte mich über ungerechte Zensur auf, und gab mich auch gleichzeitig einem Logik-Professer als Gegner geschlagen. Da Fairneß und Gerechtigkeit mir wichtig sind, hockte ich, zum Teil stundenlang, da und las den betreffenden Artikel zum Teil immer wieder, um konkreter festzustellen, was mir gefühlsmäßig daran aufgestoßen war, und das dann auch in Worte zu fassen. Dadurch lernte ich viel über mich selbst, und habe vielleicht auch einen bescheidenen Beitrag dazu geleistet, die Medien und meine Mitkommentatoren zu verbessern.
Ich bin zwar kein Paulus geworden, aber auch kein Saulus mehr. Ich verteidige inzwischen politische Gegner gegen unfaire Angriffe, aber halte an der Wahloption "Arschtritt" als potentiellem Abwehrschild noch fest.
So war der Stand, als ich über eine sehr giftige Kritik zu einer neuen Facebook-Jugendgruppe gegen Trump, also eher Links, stolperte. Ob nun aus Neugier, oder weil ich mir selber ein faires Bild machen wollte, ich bat um Beitritt zu dieser geschlossenen Gruppe. Da ich auf FB öffentlich aus meiner Haltung keinen Hehl mache, rechnete ich mit einer Ablehnung. Als ich doch akzeptiert wurde, schrieb ich daher einen provokanten Beitrag, um etwaigen Misverständnissen vorzubeugen. Daraus entwickelte sich eine Diskussion, in der ich mir teilweise wie eine Laborratte vorkam, die sich aber zum Ende hin normalisierte, und mich mit einem guten Gefühl für diese jungen Studenten hinterließ.
Aus diversen Gründen verließ ich die Gruppe danach, und kontaktierte bloß eine Person, um mich zu erklären. Nach einigem vorsichtigem Herumlavieren, ist daraus eine sehr fruchtbare Diskussion zu allen möglichen Themen erwachsen, die mit der Erkenntnis endete, daß ich, ein 47- jähriger Schlosser, und diese junge Akademiker-Person, in vielen Dingen auf einer Linie sind.


Wie war die Verständigung über Alters- und Bildungsgrenze möglich? Von beiden Seiten wurde die Chance dazu gegeben.
Schlosser: Hat die Akademiker-Erklärung beiseitegeschoben, wenn er sich wie eine Laborratte vorkam, den Eindruck hatte, daß sein Gegenpart ihm gar nicht zuhörte, und auch manchmal das Gefühl hatte, von oben herab behandelt zu werden. Hat zu dem Menschen gesprochen, bis auch der Mensch da war.
Student: Hat trotz konservativem, ungebildetem Gegenüber weiter diskutiert, auch wenn die Gegenseite langsam war, manchmal wirr, und provokant rückwärtsgewandt. Und hat am Ende denselben Durchbruch gesehen.

Was noch bei dieser Diskussion herauskam, war, daß Kampfbegriffe von beiden Seiten benutzt werden. Und genauso werden sie aber auch von beiden Seiten als Kampfbegriffe empfunden. Wenn eine Seite sich diese Begriffe verbittet, so empfindet die andere Seite das als Zensur, und umgekehrt. Daher ist das keine Lösung, mal abgesehen davon, täten uns irgendwann die Worte ausgehen.
Die einzige Lösung ist: Als Kampfbegriff empfundene Worte von der Gegenseite genauer erklären lassen. Dabei dürfte sich oft herausstellen, daß es sich nur um ein Mißverständnis handelt.
z.Bsp.: Eine Seite verbittet sich "Snowflake" als Kampfbegriff, und pocht auf den Erhalt einer "offenen Gesellschaft". Die andere Seite fühlt sich ungerecht zensiert, da die "Schneeflocke" nur neckisch gemeint war, und sieht das als Gegenteil einer "offenen Gesellschaft". Wobei "offene Gesellschaft" auf dieser Seite aus anderen Gründen als Angriff empfunden wird. Beide Seiten zensieren also im Prinzip wegen ihren eigenen Empfindlichkeiten. Die Chance, daß die Gegenseite etwas anderes meint, sollte in solchen Fällen Grund genug sein, weiterzureden. Dann klärt sich das "Schneeflocken"-Misverständnis, und beide Seiten stellen fest, daß sie unter "offene Gesellschaft" dasselbe verstehen und auch dahinter stehen.
Das ganze ließe sich vermutlich auf die komplette "Political Corectness"-Debatte übertragen, aus der ja das Wort "Kampfbegriffe", in diesem Zusammenhang, stammt.
Die Wissenschaftler mögen ja mit ihren Erklärungen auf diesem Gebiet durchaus recht haben, aber kann es sein, daß ihre Gegenmaßnahmen den Effekt noch verstärken? Hat es jemals unabhängige Untersuchungen zu den tatsächlichen Folgen dieser, wohl schon 10-20 Jahre laufenden, "Political Corectness"-Maßnahmen gegeben?
Oder haben die Wissenschaftler bei ihren Empfehlungen die Stände nicht berücksichtigt. Die Empfehlungen aus ihrer eigenen Filterblase heraus gegeben, wie es seit neuestem heißt.

Wie auch immer, dieser Text wurde geschrieben, weil sich die, einer Seite zugeschriebene, Spaltung der Gesellschaft immer mehr vertieft. Es ist ein Teufelskreis von Angriff und Gegenschlag von Rechts nach Links und umgekehrt entstanden, den es zu durchbrechen gilt.
Das wichtigste Werkzeug dabei ist Verständigung, oder eben die Filterblasen platzen lassen. Das kann man über Kommentare tun, oder, wie die Jugend-FB-Gruppe vorhat, in direktem Kontakt. Wobei ich mir letzteres schwieriger vorstelle, und erst online die richtige Herangehensweise üben würde.
Ob ich mit dieser Erörterung etwas erreiche, hängt davon ab, ob sie sprachlich die verschiedenen Filterblasen durchbrechen kann, und ob der Inhalt soweit ankommt, daß er über Schreibqualität und Identität des Schreibers gestellt wird. Und ob sie überhaupt gelesen wird.
Manche werden sich davon angegriffen fühlen, manche es als Spinnerei abtun, und manche sind sich ihrer selbst so sicher, daß sie sich nicht angesprochen fühlen. Ich selbst bin mir eigentlich nur einer Sache wirklich 100% sicher: Daß nichts wirklich 100% sicher ist. Aber ich hoffe das beste.

Addendum1 by StudyBrain01
"Der Ausdruck "Ständesystem" ist auf eine Art und Weise vorbelastet, die nicht direkt
zum Rest deines Gedankenprozesses passt, das finde ich irreleitend."
"...sind die Filterblasen, von denen du ausgehst, doch erstens weniger scharf abgegrenzt
und zweitens deutlich vielfältiger. Zwei Menschen, die vielleicht zum gleichen sozialen Stand
gehören, können in völlig verschiedenen Filterblasen stecken, und andersrum können
die Blasen zweier Menschen aus komplett verschiedenen Ständen deutlich ähnlicher sein."
"PC ist in öffentlichen Institutionen, also in Gesetzestexten, in der Schule, auf dem Amt usw,
(nicht so sehr im Alltag) als ausgleichender Faktor zur bereits existierenden Political Incorrectness
zu verstehen.
PC ist also die Reaktion, nicht die Aktion.
Nur wird sie aktiv auch in den alltäglichen Sprachgebrauch gezwungen, in Filterblasen hinein,
die nichts mit dem ganzen supertheoretischen Gedöns am Hut haben, und dadurch
wird hier wieder eine Gegenreaktion ausgelöst, die einen gefährlich trennenden Einfluss auf
die Gesellschaft in ihren, wie du sie bezeichnet hast, Ständen hat."
 
Ad-Addendum1 by Common Brain
Zum Ständesystem: Meine erste Idee war eigentlich "Kasten", bloß dann dachte ich, daß Inder sich daran stoßen könnten bzw., daß ich auch nicht wirklich viel über Kasten weiß. Danach fiel mir ein, daß wir ja im Europäischen Raum etwas ähnliches hatten, und ich erinnerte mich auch an die Ständeversammlung.
Der ZON-Artikel über die Bürgerversammlung hat bei mir wirklich eine heftige Reaktion ausgelöst.
Ich habe seit gestern gegrübelt, aber bisher ist mir noch kein besseres Wort eingefallen.
Was die Vielfältigkeit/Ähnlichkeit der Filterblasen angeht, muß ich Dir ebenfalls rechtgeben. Die Gruppe zieht vermutlich eh Leute ähnlicher Geisteshaltung an, auch wenn sie unterschiedlichen Alters sind und verschiedenen sozialen Schichten entstammen.
War also dieser "Durchbruch" eine Luftblase?
Nein, er ist nur etwas leichter gefallen, als das zwischen völlig verschiedenen Filterblasen der Fall wäre, und kann daher durchaus als Basis für reale Vorstöße dieser Art dienen.
Deine Anmerkungen zu PC haben mich etwas beruhigt.